Karwendelmarsch, 27.8.2016, eine Grenzerfahrung (Laufwettbewerb Nr. 19/2016)

Hallo Ihr Lieben!

Eines gleich vorweg: bei diesem Lauf hab ich meine Grenzen kennengelernt – und sie überschritten!

Karwendel

Entspannte Autofahrt am Freitag mit meinem Mann als Fahrer, mir als Beifahrer und unseren 3 Freunden Markus Tinkhauser, Thomas Steininger und Roland Huber zu unserem Quartier in Pertisau.

Ankunft mittags, den Rest des Nachmittags konnten wir noch die Annehmlichkeiten des Hotels (Karlwirt – tolles Quartier, sehr zu empfehlen) genießen (Whirlpool, Swimmingpool, Liegewiese) und das bei herrlichstem Badewetter. Da hab ich noch nicht gewusst, was auf mich zukommen wird.

Samstag, 27.8., Tagwache um 2:45 Uhr Frühstück auf dem Zimmer (wurde vom Hotel bereitgestellt), Abfahrt um 4:00 Uhr mit dem Bus zum Start in Scharnitz (1 ½ Stunden Fahrt).

So, das waren die Fakten. Jetzt wird’s persönlich.
Ich habe vor ein paar Jahren den Rennsteiglauf gemacht, mit 36,6 km und ca. 800 hm, diese Strecke hab ich in 6 Stunden und 23 Minuten bewältigt. In meiner grenzenlosen Naivität hab ich mir für heute eine Zeit von 7 Stunden vorgenommen. Mit 8 wär ich auch zufrieden gewesen, aber mehr schon nicht.

Es gibt keine schönere Startzeit für einen Lauf als so zeitig in der Früh. Tolle Atmosphäre im Startbereich, angenehme Temperaturen (da hatte es um diese Zeit schon 19 Grad – nicht einmal mir war kalt!) und das in der traumhaften Berglandschaft des Karwendelgebirges – wow!

Völlig entspannter Start (Chipzeitnehmung), am Anfang konnte man noch ein paar Hundert Meter laufen, dann kam der erste leichte Anstieg, dann ging es ein paar Kilometer locker dahin und es ging ordentlich was weiter. Die Kilometer gingen nur so vorbei, dauernd piepste der Kilometerzähler meiner Laufuhr. Laut meiner ersten Hochrechnung war eine Endzeit von ca. 6 Stunden 15 Minuten drin. Die 1. Labstation war aber doch sehr willkommen (nach ca. 9 km). Bei Kilometer 11,3 hat mich dann die Wirklichkeit eingeholt! Da war mir klar, dass ich viel zu schnell begonnen hatte und ich begann, den Preis dafür zu zahlen. Jetzt ging es erst mal ordentlich bergauf und das ziemlich lange. Die 1. Labe war noch willkommen, ab der 2. Labe war jede Labstelle überlebenswichtig! Und die Labe war toll bestückt: Holundersaft, natürlich Wasser, Tee, Bananen, Riegel, Kletzenbrot und Kartoffelsuppe – und die war genau das Richtige! Wieder etwas gestärkt ging es weiter, immer laufend bergauf, steil bergauf, bergab, steil bergab, noch steiler bergab und noch steiler bergauf. War aber alles noch im grünen Bereich. Dann kam der Anstieg zur Falkenhütte – der 2. steile Anstieg nach dem Karwendelhaus, vom kleinen Ahornboden (1399 m) auf 1848 m, alles in der prallen Sonne (zu dem Zeitpunkt war es wolkenlos und brutzelheiß). Auf dieser Strecke hatte ich eine Kilometerzeit von 35 Minuten! Zum ersten Mal in meinem Leben kamen mir Zweifel, ob ich im Stande sein würde, einen Wettbewerb zu beenden. Ich dachte weniger ans Aufgeben als daran, dass ich die Zeitvorgabe nicht schaffen würde. Hundemüde stolperte ich auf dem Berg herum. Es half alles nichts – ich musste stehen bleiben und aus meiner Wasserflasche trinken, ich wäre sonst verdurstet. Es kostete mich eine irre Überwindung, nach dem Trinken weiterzugehen. Dann endlich – die Labstation auf der Falkenhütte! Ich versorgte mich mit Holundersaft, Tee und Kletzenbrot – und ließ mich einfach nur mehr ins Gras fallen. Dann ging es eine ganze Weile gemäßigt bergab, so, dass ich sogar wieder ein wenig laufen konnte, und dabei hab ich mich wieder gut erholt. Dann – was denn auch sonst – folgte der nächste Anstieg, und der übernächste, dann wieder bergab und noch ein kürzerer Anstieg bis Kilometer 30.

Und dann ging es nur noch steilst bergab. Fakt: für die letzten 5 Kilometer habe ich 1 ½ Stunden gebraucht!! Mein Mann und ich sind keine Bergwanderer, daher bin ich solche Strecken nicht gewohnt und ich mag sie auch nicht, denn ich bin sehr patschert, ungeschickt und nicht trittsicher. Es war so steil, dass ich mich zweimal auf den Hintern setzen und einen kleinen Felsen runterrutschen musste, weil ich anders nicht weitergekommen wäre. Dann hat es plumps gemacht und ich fiel auf den Hintern, zum Glück auf einen weichen Wiesenboden, nix Schlimmes passiert. Ich war verzweifelt und die Strecke schien kein Ende zu nehmen.

Plötzlich sah ich von Weitem weiße Schirme und Parkbänke – das Ziel auf der Engalm!!!!! Es ging noch auf der Wiese ein paar Meter steil bergab – und dann bin ich mit einem Glücksgefühl, das ich nicht mal annähernd in Worte fassen kann, und mit Tränen in den Augen die letzten 300 Meter ins Ziel gelaufen!!

Die Finisher-Medaille von diesem Lauf ist das Schönste, das ich je gesehen habe.

Dieser Wettbewerb hat mir meine Grenze aufgezeigt. Nämlich die letzten 5 km. Jetzt weiß ich, dass so eine Strecke, so steil im Gebirge bergab, das Schlimmste ist, was mir bei einem Wettbewerb passieren kann. Ich habe meine Grenzen ausgelotet, sie erreicht – und mit der Bewältigung dieser Herausforderung hab ich sie überschritten.

Laufdaten:
Streckenlänge 35 km, ca. 1700 Höhenmeter, von Scharnitz nach Eng.
1.Labe Schafstallboden, auf 1.173 m
2.Labe Karwendelhaus, auf 1.771 m
3.Labe Kleiner Ahornboden, auf 1.399 m
4.Labe Falkenhütte, auf 1.848 m
5.Labe und Ziel Engalm auf 1.227 m

Laufzeit: 8 Stunden, 10 Minuten und 2 Sekunden
Platzierung: 97. von 172 Frauen
Gesamtrang 168 von 277 Läufern

Ganz liebe Grüße an Euch Alle
Andrea Kürzel